PalästinenserInnen in Gaza-Stadt beschreiben, wie sie Leichenteile von der Straße aufsammeln und streunende Hunde abwehren mussten, während sie inmitten der israelischen Angriffe auf Krankenwagen warteten.
Von Ahmed Ahmed, +972Mag, 20. März 2025
(Originalbeitrag in englischer Sprache)
Am Montagabend traf sich Oday Al-Zaigh mit seinem Freund und Nachbarn Motasim Zain Eldeen in ihrem Viertel Al-Moghrabi im Zentrum von Gaza-Stadt. Sie sprachen voller Stolz darüber, wie die BewohnerInnen ihres Viertels in den letzten Wochen die Straßen gereinigt und alles wieder aufgebaut hatten, was sie konnten, und wie sie ihr Bestes taten, um das Viertel wieder schön zu machen, nachdem es während des 15-monatigen Völkermords durch israelische Angriffe schwer beschädigt worden war. Nachdem sich die Wege getrennt hatten, schlief Al-Zaigh ein – bis er gegen 2 Uhr morgens durch die plötzliche Wiederaufnahme der israelischen Angriffe geweckt wurde.
„Ich öffnete meine Augen, als ich zu Boden fiel und Teile der Decke und zerbrochenes Glas von den Fenstern auf mich herabstürzten“, berichtet er gegenüber +972. „Die Flammen der Explosion erhellten die Wohnung. Ich dachte, ich sei tot.“
Als ihm klar wurde, dass er noch atmete, dämmerte Al-Zaigh, dass sein Haus das Ziel der Bombardierung ist und ein zweiter Luftangriff unmittelbar bevorstehen könnte. Er schaltete die Taschenlampe seines Telefons ein, rappelte sich auf und eilte los, um seine neun Geschwister und seine Eltern aus den Trümmern zu befreien und sie alle auf die Straße zu bringen.
„Ich entfernte einen großen Stein, der auf die Brust meiner Mutter gefallen war, ergriff ihre Hand und zog sie die Treppe hinunter“, erzählt Al-Zaigh. „Direkt vor unserer Haustür lag die Hälfte einer Frauenleiche. Meine Mutter verlor das Bewusstsein.“
Als Al-Zaigh das Ausmaß der Zerstörung um sich herum wahrnahm, sah er weitere zerfetzte Leichen auf der Straße verstreut. Zusammen mit seinen Nachbarn sammelte er die verschiedenen Leichenteile ein und legte sie in Plastiksäcken auf den Gehweg.
„Der Geruch von Blut und totem Fleisch lockte streunende Hunde in die Gegend“, erzählt er unter Tränen. „Zwei Stunden lang bewarfen wir sie mit Steinen und bewachten die Leichen, bis ein einziger Krankenwagen eintraf. Aber sie hatten nur Platz für die Verwundeten und weigerten sich, die Leichen mitzunehmen.“
Als der Morgen graute, stellten Al-Zaigh und seine Nachbarn fest, dass noch mehr Leichen auf der Straße lagen – und es schockierte ihn zutiefst, als er eine von ihnen erkannte. „Wir fanden die obere Hälfte eines entstellten Körpers 100 Meter von dem Haus entfernt, das angegriffen wurde“, erklärte er. „Es war die Leiche meines Freundes Motasim.“
Später gab Israel bekannt, dass es sich bei dem Ziel des Angriffs um Abu Obeida Al-Jamasi handelte, eine hochrangige politische Persönlichkeit der Hamas. „Selbst wenn sie eine bestimmte Person töten wollen, wollen sie so viel wie möglich zerstören und mehr Menschen töten, um uns zu zwingen, unser Land zu verlassen“, sagte Al-Zaigh. „Ich bin [in den letzten anderthalb Jahren] in den südlichen Gazastreifen geflohen, aber ich werde mein Haus nie wieder verlassen.“
Die Leichen lagen überall auf dem Boden verstreut.
Um 1:40 Uhr am selben Morgen wachte der 46-jährige Fouad Saqalla in seinem Haus in der Altstadt von Gaza-Stadt auf, um sich auf das Suhoor vorzubereiten, die Mahlzeit vor dem Morgengrauen, die dem täglichen Ramadan-Fasten vorausgeht. Er wollte gerade den Rest seiner Familie wecken, als eine ohrenbetäubende Serie von Luftangriffen ein nahe gelegenes Gebäude traf.
„Überall fielen Trümmer herunter; einige fielen auf die Matratze, auf der ich geschlafen hatte“, sagt er gegenüber +972. „Ich dachte, ich hätte einen Albtraum, bis sich meine 7-jährige Tochter Hala an mein Bein klammerte und laut zu weinen begann.“
Auch Saqalla lief nach draußen und sah ein Blutbad. „Überall lagen Leichen auf dem Boden verstreut“, erzählt er. „Die schmerzhaften Szenen erinnerten mich an die ersten Tage des Krieges im Jahr 2023, von dem ich mich immer noch zu erholen versuche.“
Azza Al-Nashar, 19, lebt in einem Haus in der Nähe von Saqallas Haus. Sie rezitierte gerade den Koran, als die Bombardierung begann. „Der Boden bebte, und der Lärm der Explosionen waren erschreckend“, berichtet sie. „Mehrere Minuten lang konnte ich meinen Körper aus Angst nicht bewegen, ich war wie gelähmt.“
Die erste Sorge von Al-Nashar und ihrer Familie galt der Sicherheit ihres Onkels Mohammed. Er hatte mit seiner Frau Sabreen und ihren vier Kindern ein Zelt auf dem Dach ihres Hauses aufgebaut, nachdem sein eigenes Haus in derselben Gegend im vergangenen Jahr durch israelische Luftangriffe zerstört worden war.
„Meine anderen Onkel und Nachbarn eilten auf das Dach, um nach ihm zu sehen“, berichtet sie gegenüber +972. „Als sie ihn fanden, war er bewusstlos und mit Teilen einer zerstörten Wand bedeckt. Gott sei Dank hat er mit leichten Verletzungen überlebt.“
Zufällig waren Sabreen und die Kinder bei ihrer Familie in einem anderen Haus in Gaza-Stadt untergebracht, und sie überlebten die Nacht. „Wir haben alle große Angst und wollen nicht noch mehr Menschen verlieren“, sagte Al-Nashar.
Mahmoud Basal, ein Sprecher des Zivilschutzes des Gazastreifens, erklärte gegenüber +972, dass die israelische Armee am Dienstagmorgen mehr als 100 gleichzeitige Angriffe auf Wohnhäuser, Unterkünfte und Zelte von Vertriebenen im gesamten Gazastreifen durchgeführt haben. Dabei wurden mindestens 400 Menschen getötet und 600 verwundet, die meisten von ihnen Frauen und Kinder.
„Dies ist eines der schrecklichsten Massaker [des Krieges]“, berichtet er. „Die Teams des Zivilschutzes und die medizinischen Teams arbeiteten mit vollem Einsatz, hatten aber wegen des Mangels an schweren Maschinen und Fahrzeugen und wegen der wiederholten Bombardierung der Gebiete, in denen sie arbeiteten, große Schwierigkeiten.“
Die israelischen Angriffe auf den Gazastreifen dauerten die ganze Woche über an, so dass die Zahl der Todesopfer seit Dienstagmorgen bis zum Redaktionsschluss auf rund 600 gestiegen ist. „Das medizinische System kämpft aufgrund eines gravierenden Mangels an Ressourcen“, sagte Basal. „Diese Situation erfordert sofortiges weltweites Handeln, um unschuldige ZivilistInnen vor weiteren Massakern zu schützen.“
Ahmed Ahmed ist ein Pseudonym für einen Journalisten aus Gaza-Stadt, der aus Angst vor Repressalien anonym bleiben möchte.

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