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Stellen Sie sich vor, alle, die über die schrecklichen Verbrechen in Gaza schweigen, würden ihre Stimme erheben

Kein Verbrechen in der Geschichte ist von seinen Opfern so gut dokumentiert worden. Und doch herrschen Untätigkeit und Zensur.

Von Owen Jones, The Guardian, 19. März 2025

(Originalbeitrag in englischer Sprache)

 

Israels Völkermord pausierte nur: Für die PalästinenserInnen, die Montagnacht von einer grausamen Reihe von Luftangriffen geweckt wurden, war die Wiederaufnahme nicht weniger schockierend. Mehr als 400 Menschen – viele von ihnen Kinder – wurden innerhalb weniger Stunden abgeschlachtet, in einem Angriff, der angeblich von Donald Trump „grünes Licht“ erhalten hat. Auf dieses Chaos folgten rasch Evakuierungsbefehle, d. h. Zwangsvertreibungen, die die Möglichkeit einer neuen Bodenoffensive nahelegt. Israels Rechtfertigung? Die erfundene Behauptung, die Hamas habe sich nicht an die Bedingungen des sogenannten Waffenstillstandsabkommens vom Januar gehalten, das Israel selbst immer wieder gebrochen hat.

Nach den Angriffen berichtete CNN, dass Israels Attacken „Zweifel an der brüchigen Waffenruhe“ aufkommen ließen. Das ist nicht einmal ansatzweise orwell‘sch, um eine solche Darstellung zu beschreiben. Tatsächlich gab es nie einen „Waffenstillstand“: zumindest nicht, wenn man die Einstellung des Beschusses als solchen definiert. Ein einziger Israeli ist Berichten zufolge während der „Waffenruhe“ im Gazastreifen ums Leben gekommen: ein Bauunternehmer, der von der israelischen Armee getötet wurde, die ihn mit einem Palästinenser verwechselten. Berichten zufolge wurden während dieser „Waffenruhe“ 150 PalästinenserInnen in Gaza und Dutzende weitere im Westjordanland getötet.

Dies ist ein Beispiel dafür, wie der israelischen Gewalt freien Lauf gelassen und dem palästinensischen Leben jegliche Bedeutung genommen wird. Wäre nur ein einziger israelischer Soldat von einem Hamas-Kämpfer getötet worden, hätten viele Politiker und Medien den Waffenstillstand sofort für beendet erklärt. Das gleiche Narrativ ist der Grund, warum man uns glauben machen will, dass vor dem 7. Oktober 2023 Frieden herrschte, obwohl in den neun Monaten davor 238 PalästinenserInnen – darunter 44 Kinder – getötet worden sind.

Künftige Generationen werden sich vielleicht fragen: „Wie konnten dermaßen offenkundige Verbrechen so lange ermöglicht werden?“ – Schließlich wurde dank der Mobiltelefone und des Internets kein Verbrechen in der Geschichte von seinen Opfern so gut dokumentiert wie dieses. Wie schon seit 529 Tagen posten die Überlebenden des Gazastreifens die Beweise für ihre eigene Vernichtung in den sozialen Medien und hoffen – vergeblich –, dass genug Mitgefühl entsteht, um das völkermörderische Chaos zu beenden. Ein totes Baby in einem regenbogenfarbenen Overall; ein trauernder Vater, der zum letzten Mal mit dem Zopf seiner Tochter spielt; ganze Familien, die in Leichentücher gehüllt sind und deren Stammbäume aus dem Personenstandsregister gestrichen werden mussten.

Kein Verbrechen wurde von ExpertInnenen so gut belegt wie dieses. Letzte Woche wurde in einem neuen UN-Bericht die sexuelle und reproduktive Gewalt Israels detailliert beschrieben: die Tötung schwangerer Frauen, die Vergewaltigung männlicher Gefangener mit Gegenständen, die von Gemüse bis zu Besenstielen reichen, die Zerstörung einer IVF-Klinik mit 4 000 Embryonen. Der Krieg gegen die Fähigkeit der PalästinenserInnen, sich fortzupflanzen, wurde als „genozidaler Akt“ bezeichnet.

Es gibt unzählige weitere Beispiele für solche Taten. Ein Bericht nach dem anderen beschreibt Israels Zerstörung der zivilen Infrastruktur – Häuser, Krankenhäuser, Schulen, Universitäten, Moscheen, Kirchen –, die Auslöschung von 83 % aller Pflanzen, mehr als 80 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche, 95 % des Viehbestands und die Zerstörung von mehr als 80 % der Wasser- und Abwasserinfrastruktur. Israel hat den Gazastreifen vorsätzlich und systematisch unbewohnbar gemacht. Deshalb sind sich die einschlägigen Fachleute – von Amnesty International bis hin zu Wissenschaftlern wie Omer Bartov, dem weltbekannten israelisch-amerikanischen Professor für Holocaust- und Völkermordstudien – einig, dass Israel einen Genozid begeht.

Und zu keinem Verbrechen haben sich die Täter so freimütig bekannt wie zu diesem. Vor 17 Tagen verhängte Israel eine totale Blockade für alle humanitären Hilfsgüter, die in den Gazastreifen gelangen sollen, was eine unbestreitbare Verletzung des Völkerrechts darstellt. Letzte Woche erklärte Israels Umweltminister, dass die „einzige Lösung für den Gazastreifen darin bestehe, ihn von den BewohnerInnen zu säubern“ - eine von zahllosen Äußerungen krimineller und genozidaler Absichten, die von israelischen Führern und Politikern in den letzten 17 Monaten gemacht wurden. Israel hat keinen Versuch unternommen, seine Überzeugung zu verschleiern, dass die Zivilbevölkerung kollektiv schuldig ist – „menschliche Bestien“, die nur „Zerstörung“ und „Hölle“ verdienen, wie ein israelischer General zu Beginn sagte – oder seine Absicht, den Gazastreifen dem Erdboden gleichzumachen. Israelische Soldaten haben ihre Verbrechen freudig ins Internet gestellt, johlend, jubelnd und singend, während sie Häuser von ZivilistInnen in die Luft sprengten und Gefangene misshandelten.

Wie kann eine so dokumentierte, bewiesene und gestandene Schandtat – eine Schandtat, die durch westliche Waffen und diplomatische Unterstützung begünstigt wird – so lange fortbestehen? Niemand in westlichen Politik- oder Medienkreisen kann plausibel sagen: „Ich wusste nicht, was wirklich geschah“.

In einer rationalen Welt würden die BefürworterInnen dieser Abscheulichkeit als Monster betrachtet werden, die im öffentlichen Leben keinen Platz haben. Man kann schließlich nicht den Völkermord in Ruanda rechtfertigen und etwas anderes erwarten, als zu einem Paria zu werden. Aber es sind diejenigen, die sich gegen Israels Verderbtheit gestellt haben, die verunglimpft, ausgeschaltet, zensiert, entlassen, verhaftet und – im Fall des Columbia-Absolventen Mahmoud Khalil – inhaftiert und möglicherweise deportiert werden.

Der dreisteste und systematischste Angriff auf die Meinungsfreiheit im Westen seit dem McCarthy-Regime hat sein primäres Ziel erreicht: das weitgehende Schweigen der Mächtigen und Einflussreichen über ein Verbrechen von historischem Ausmaß. Es gibt PolitikerInnen, die dieses Verbrechen unmissverständlich als solches bezeichnet haben, aber sie werden ausgegrenzt und abgestraft. Es gibt Mainstream-JournalistInnen, die die Wahrheit sagen, aber das sind nur wenige. Es gibt Prominente, die ihre Plattform nutzen, um die Wahrheit zu sagen – wie Gary Lineker, Paloma Faith, Khalid Abdala und Juliet Stevenson –, aber sie sind isoliert.

Die Stummen haben Angst um ihre Karriere und ihr Einkommen, und das nicht zu Unrecht. Aber die Überlebenden von Gaza haben Angst vor Hunger, Krankheit, lebendig verbrannt zu werden und unter Trümmern zu ersticken. Schweigen angesichts von Ungerechtigkeit ist immer eine Sünde; wenn die eigene Regierung einen Völkermord unterstützt, ist das ein moralisches Verbrechen. Bei jeder Gräueltat in der Geschichte sind die Schweigenden immer die Hauptakteure.

Was würde passieren, wenn all diejenigen, die wissen, dass ein schreckliches Übel begangen wird, ihre Meinung sagen würden? Die MinisterInnen würden von ihren Regierungen zurücktreten. Zeitungen und Nachrichtensendungen würden nicht nur mit Israels Gräueltaten beginnen, sie würden sie korrekt als abscheuliche Verbrechen darstellen, untermauert mit dem Paukenschlag, dass etwas Drastisches getan werden muss, um sie zu stoppen. Forderungen nach einem Waffenembargo und Sanktionen gegen Israel würden unüberhörbar werden. Nicht diejenigen, die sich dem Völkermord widersetzen, würden verfolgt und verleumdet, sondern diejenigen, die sich am Völkermord mitschuldig machen, würden aus dem öffentlichen Leben entfernt werden.

Viele der Schweigenden fühlen sich zweifellos schuldig, und das sollten sie auch. Durch ihre Feigheit haben sie entscheidend dazu beigetragen, einige der schlimmsten Gräueltaten des 21. Jahrhunderts zu normalisieren. Das Schweigen zu beenden, bedeutet nicht, dass man mit den Händen ringt und Plattitüden darüber abgibt, wie traurig man über das Sterben von ZivilistInnen ist: Es bedeutet, ein Verbrechen als das zu bezeichnen, was es ist, und Rechenschaft von denen zu verlangen, die es ermöglicht haben.

Die Zeit läuft für die traumatisierten, verstümmelten und hungernden Menschen in Gaza ab. Und damit auch die Zeit für diejenigen, die ihr Gewissen noch retten wollen.

 

Owen Jones ist Kolumnist des Guardian.



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